Archiv Predigten

PredigtEN  der Ev. Kirchengemeinde Erfurt-Südost sind hier für einen Monat nach dem Erscheinen bzw nach dem jeweiligen Gottesdienst nachlesbar bzw nachhörbar

Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst? Psalm 8,5.6

Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst? Psalm 8,5.6

Seien Sie herzlich eingeladen zu unseren Gottesdiensten

9:30 Uhr in der Lukaskirche und 
11:00 Uhr in der Gustav-Adolf-Kirche
mit Pfarrerin Sydow 
Christina Wolf-Dreißig an der Orgel
Der Mensch und das  Werk "Die Erschaffung Adams" von Michelangelo wird ein Thema der Predigt sein
Hören und Lesen Sie hier vorab:

 
Evangelische Kirche Neulußheim Organist: Gerhard Müller 17.07.16

Die Gnade Gottes, die Liebe Jesu Christi und die Gemeinschaft des hlg Geistes sei mit uns allen.
Amen

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde,

Jeder und Jede von Ihnen hat schon einmal den Namen Michelangelo gehört. Michelangelo Buanarotti lebte im 15. Jahrhundert in Italien, in Caprese 1475 geb und Florenz aufgewachsen, schuf er in seinem leben großartige Kunstwerke, vor denen wir bis heute andächtig und staunend stehen.

Vielleicht waren Sie bereits in Rom , besuchten den Petersdom und sahen die nahe am Eingang stehende von Michelangelo geschaffene kolossale und große Marmorstatue die Pieta, Maria hält ihren toten Sohn im Arm.

Michelangelo ließ sich 1534 in Rom nieder, vorher war er nur zu begrenzten Aufenthalten in der ewigen Stadt und hat dort in 7 Jahren das decken Gemälde in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan geschaffen. Wer von Ihnen schon einmal dort war, kennt die großen Touristenströme, die an den vielen Kostbarkeiten in den vatikanischen Museen vorbeiziehen, um allein in die Sixtinische Kapelle zu gelangen und dort das Deckengemälde zu bewundern.

Die Felder an der Decke sind bestimmten Themen zuzuordnen: Schöpfung, Erschaffung Adams, Erschaffung Evas, Sündenfall und Vertreibung aus dem Paradies das Opfer nass und die Sintflut

Und selbst wer noch nie dort war, kennt die Motive auf der vor Ihnen liegenden Karte:

Die einander fast berührenden Zeigefinger

Adam im gegenüber zu Gott und auf der letzten Seite Ihrer karte finden Sie das gesamte Bild aus dem Kapitel die Erschaffung Adams.

 Schon der Bibel, eben in dem heute verlesenen und gebeteten Psalm 8 heißt es: was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst? Und die Antwort aus dem Psalm: du hast ihn wenig geringer gemacht als die Engel.

Man kann sich nur schwer die körp. Anstrengungen vorstellen, die es Michelangelo gekostet haben mag, derart monumentale Bilder im liegen an die Decke der Sixtinische Kapelle zu malen.

Michelangelo hat sich hart schinden müssen für sein Kunstwerk, er schrieb über diese Zeit: mein Genick fühl ich am Buckel, der Pinsel tropft in mein Gesicht, lauter mühen und Qualen, bezahlt wurde ich erst am Schluss

Schauen wir uns Adam an , anmutig sieht er aus, perfekt gebaut, zugleich sieht er etwas schlaff aus, so aus als hätte er nichts mehr vor im Leben

Einzig sein Blick spricht eine andere Sprache als die seines Körpers

Das Gesicht Gott zugewendet, ein wenig traurig, sehnsüchtig, voller Erwartung, ein blick, der mir sagt. Adam möchte aber kann nicht, er kann nicht mehr , sein Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach, Adam hat keine kraft

Eine solche Kraftlosigkeit kennen wir auch, Menschen sind gerade jetzt am Rande ihrer Kräfte, sind ausgebrannt, haben das Gefühl, es muss sich etwas ändern , aber was nur? Wir kennen Menschen, die sind ausgebrannt, schaffen die geforderte Leistung nicht mehr, manchmal nennen wir es auch Depression, aber manchmal ist es einfach nur der Alltag, der uns kraft raubt.

Manchmal wissen wir nicht, wie es weitergehen soll.

Und da hilft die Antwort aus der Bibel: dass wir nur wenig geringer sind als die Engel auch nicht wirklich weiter. Woher kommt die kraft? Wer hilft uns?

Adam liegt kraftlos auf seiner Decke, bleibt uns nur sein Blick, wohin geht der? Sein Blick geht zu Gott Und Michelangelo wagte mit seinem Bild aus unmögliche, er wagt es Gott zu malen. Naja ganz im Sinne seiner Zeit malte er ihn als Großvater mit Rauschebart, er malt ihn aber auch nicht als fernen entrückten Gott, der sich vor den Menschen und seiner Schöpfung zurückzieht, er malt ihn auch nicht als altersschwachen Greis, sondern er malt ihn als einen Gott voller Energie und Kraft, Gott fliegt förmlich auf Adam zu und Gottes Zeigefinger ist zielgerichtet, gleich springt ein Funke über , gleich wird Kraft übertragen, fast als wirbt Gott mit seiner Hand um Adams Hand, deshalb streckt er seine Hand nach Adams Hand aus, lässt sich Adam berühren? Ergreift er Gottes Hand, schlägt er ein in das Angebot Gottes?

Und wenn Sie auf das Bild schauen, sehen Sie den Zwischenraum zwischen beiden, warum mag er den Zwischenraum gemalt haben: eine mögliche Antwort lautet. Der Mensch ist wenig geringer als die Engel aber er ist nicht Gott. Und damit sind wir an einer zentralen Frage unseres Menschseins angelangt, der Mensch ist nicht Gott und nach christlicher und jüdischer Vorstellung bleibt er nur Mensch, wenn er das gegenüber Gott behält

Wie bleibt der Mensch menschlich?

Warum kann er so schnell zum Unmenschen werden?

Wohin bringen uns Technik, Digitalisierung, die unglaublichen Fortschritte der Menschheit?

Bringen sie uns dazu, menschlicher zu werden oder werden sie uns zu Unmenschen machen?

Wohin wird der weg der Menschheit führen? In bessere Zeiten für alle? In einen dystopischen Überwachungsstaat? Zu einer Medizin, die einigen Wenigen unsterbliches Leben schenkt?

Nach einer christlichen Auffassung wird der Mensch Mensch, indem er seine Grenzen anerkennt,

indem er den Platz einnimmt, den ihm Gott zugewiesen hat: wenig geringer als die Engel, aber eben nicht Gott selbst.

Übrigens ein schönes Detail haben Sie auf dem Bild vielleicht noch nicht entdeckt, unter Gottes linkem arm schaut Eva hervor. Vielleicht ist sie ja der Trumpf Gottes, mit dem manches besser werden kann.

Wir wissen es nicht, wie wissen nicht, wie die erde 2050 aussehen wird und so gibt eine Trauer in uns, weil sich so vieles geändert hat und immer noch ändert, und wir vielleicht gar nicht mehr hinterherkommen, aber es sind uns viele Gewissheiten abhanden gekommen

In der Bibel heißt es: nicht aufhören werden Saat und Ernte , Frost und Hitze...
auch da können wir angesichts des Klimawandels nicht mehr sicher sein, technologische Entwicklungen machen es möglich, Körper Gehirne und Seelen der Menschen zu manipulieren, Algorithmen entscheiden heute schon Manches.

Wenn Menschen kein umfassendes Bild vom Menschen haben, nichts wissen vom Platz, den der Mensch einnehmen kann, kein Bild vom Kosmos haben, davon, dass die Dinge und die Menschen und die Natur zusammen gehören, dann wird die Zukunft unserer Kinder nach einem Zufallsprinzip entschieden und wie das dann aussieht ist offen.

Manchmal freue ich mich, dass ich im vergangenen Jahrhundert geboren bin und vieles aus einer alten Zeit noch erlebt habe.

Der israelische Schriftsteller Noah Harare endet sein Buch: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert über die Zukunft der Menschen mit folgenden Worten:

Für ein paar Jahre oder sogar Dekaden haben wir noch eine Wahl. Wenn wir uns anstrengen, können wir immer noch erforschen, wer wir wirklich sind. Aber wenn wir diese Chance nutzen wollen, sollten wir das jetzt tun.

Amen

Und der Friede Gottes…
 

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