Archiv Predigten

PredigtEN  der Ev. Kirchengemeinde Erfurt-Südost sind hier für einen Monat nach dem Erscheinen bzw nach dem jeweiligen Gottesdienst nachlesbar bzw nachhörbar

Predigt zum Gottesdienst 15. November 2020

Predigt zum Gottesdienst 15. November 2020

Herzliche Einladung zum Gottesdienst am vorletzten Sonntag im Kirchenjahr, dem Volkstrauertag
ab 09:30 Uhr in der Gustav-Adolf-Kirche
mit Herrn Lutz Ludwig

Foto oben N. Schwarz (Gemeindebriefdruckerei.de)

Predigt am 15.Oktober 2020       vorletzter Sonntag des Kirchenjahres/Volkstrauertag

Predigttext: Lukas 16, 1-8

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater,

und dem Herrn Jesus Christus.

Amen

Liebe Gemeinde,

all jene von uns, welche sehr pedantisch und bürokratisch veranlagt sind, werden mit unserem heutigen Predigttext sicher ein Problem haben. Es geht um Bestechlichkeit und Betrug und das kann eigentlich allen von uns nur Bauchschmerzen bereiten. Es ist eine von den vielen wenig bekannten Geschichten im Neuen Testament.   
Hören wir aus dem Evangelium nach Lukas im 16 Kapitel     die Verse 1-8 in der Übersetzung Martin Luthers.           (Luther 2017)

Jesus sprach aber auch zu den Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz.         
 
2Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein.                                                

3Da sprach der Verwalter bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln. 

4Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde. 

5Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und sprach zu dem ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? 

6Der sprach: Hundert Fass Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig. 

7Danach sprach er zu dem zweiten: Du aber, wie viel bist du schuldig? Der sprach: Hundert Sack Weizen. Er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig.

8Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte. Denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts. 

Eigentlich ist das eine Geschichte, die man zweimal lesen muss – um sie richtig zu verstehen, aber auch um sich zu vergewissern, dass man sich wirklich nicht verhört hat.   
Also: Da geht es um eine Art Geschäftsführer, der im Dienst eines reichen Mannes erhebliche Summen zu verwalten hat. Es kommt heraus, dass er das Vermögen seines Chefs nicht mehrt, sondern mindert.  
Vielleicht ist er faul, vielleicht fährt er riskante Anlagestrategien. Wir erfahren es nicht. Jedenfalls muss er gehen. Solange die Kündigungsfrist läuft, überlegt der Noch-Geschäftsführer, wie er seine  Noch-Kompetenzen am geschicktesten nutzt für das Leben danach.   Schließlich bestellt er die größten Kreditnehmer seines Chefs zu sich: keine kleinen Fische, sondern offenbar selbst mittelständische Unternehmer.                                                           

Der Noch-Geschäftsführer unterschreibt ihnen hinter den verschlossenen Türen seines Büros stark reduzierte Schuldscheine. So gewinnt er ihr Wohlwollen.   So verpflichtet er sich diese Leute für später.

Die Geschichte, die Jesus erzählt, ist keineswegs unrealistisch.  Wir erleben Ähnliches zum Beispiel, wenn irgendwo ein Regierungswechsel ansteht. Da werden eben noch schnell ein paar Beamte befördert und in höhere Gehaltsstufen eingruppiert. Da sichert sich der ein oder andere Politiker das Wohlwollen von Wirtschaftsunternehmen, die ihn anschließend in den Aufsichtsrat berufen.     In den letzten Tagen einer Regierung werden schnell noch einige Gesetze verabschiedet und Verträge unterschrieben. Gelegentlich sollen sogar Akten verschwinden. Das alles sollte niemanden wundern.

Wundern muss man sich allerdings, dass Jesus eine solche Geschichte erzählt, ja viel mehr noch: dass er das Verhalten jenes trickreichen Geschäftsführers offenbar gutheißt und weiterempfiehlt. Es ist wahrlich schwer zu verstehen.

Das Gleichnis nennt den Mann ganz ohne Umschweife „ungerecht“. An der moralischen Fragwürdigkeit gibt es nichts zu rütteln. Doch der Geschäftsführer erhält noch ein zweites Adjektiv: klug. Wegen seiner Klugheit wird er gelobt. Durch seine Klugheit wird er zum Vorbild.

Jesus sagt: Klug sein im Angesicht einer ungewissen Zukunft bedeutet Risikobereitschaft und Weitsicht. Es bedeutet, die Zukunft nicht zu verleugnen oder zu verdrängen. Es bedeutet, nicht alles fatalistisch auf sich zukommen zu lassen und die Hände in den Schoß zu legen, sondern die Initiative zu ergreifen und etwas zu wagen. Genau das tut dieser Verwalter. Er sieht seine Lage in aller gebotenen Nüchternheit.  Er wagt etwas. Er erwirbt sich das Wohlwollen und die Treue anderer Menschen. Beziehungen sind ihm wichtiger als Besitz.

Was bedeutet das alles für uns, die wir ganz bestimmt ehrlicher durchs Leben gehen wollen als dieser zwielichtige Verwalter?

Wer handelt, macht Fehler. Und Jesus versucht den Menschen immer wieder klar zu machen – auch mit einem drastischen Beispiel wie diesem betrügerischen Verwalter, dass Gott für solche Fehler mehr Verständnis aufbringen wird, als wir denken. 
Vor allem hat er mehr Verständnis dafür als für ein Leben, das nie wirklich gewagt wurde aus Angst, es zu verfehlen.

Ich denke die Botschaft des Gleichnisses sollten wir uns so verinnerlichen:

Spare nicht mit deinem eigenen Leben. Sei klug mit deiner Zeit und mit deiner Kraft. Nutze sie gut aus.  Investiere sie: am besten in Menschen, in Freundschaften und Beziehungen. Halte die Liebe nicht zurück. Teile reichlich Vergebung aus, damit dir eines Tages vergeben wird. Verkriech dich nicht in falscher Bescheidenheit, auch nicht in Selbstmitleid oder Fatalismus, sondern gehe beherzt und mutig an, was vor dir liegt. Am Ende wird es nicht darauf ankommen, dass du makellos und rein vor deinem Herrn stehst. Sein Erbarmen ist ohnehin größer als du denkst. 

Am Ende kommt es darauf an, dass du im Angesicht Gottes dein Leben gewagt hast!

Wir hören dieses Gleichnis heute am Volkstrauertag. Am Tag also, an dem wir der vielen Millionen Opfer der letzten Kriege und des national­sozialistischen Unrechts gedenken.   
Wie viele von diesen Opfern hätten wohl vermieden werden können, wenn es in jenen Tagen mehr von der Klugheit gegeben hätte, die unser Gleichnis empfiehlt!    
Wenn wir Deutschen nicht so preußisch, so korrekt, so gründlich und so gehorsam gewesen wären, sondern: ein gutes Stück eigenverantwortlicher, gewitzter und mutiger.

Jedenfalls muss ich bei dem zwielichtigen Verwalter des Gleichnisses an eine historische Figur denken.  Oskar Schindler, der deutsche Unternehmer, der am Ende des Krieges rund 1200 Krakauer Juden vor dem Konzentrationslager rettete.  Dieser Schindler war allem Anschein nach ein schmieriger, opportunistischer Typ, viel unsympathischer als der Hollywoodfilm „Schindlers Liste“ ihn zeigt.  Lange Zeit arbeitete er eng mit den Nazis zusammen.  Er profitierte wirtschaftlich vom Krieg.   Doch dann tat er zur rechten Zeit das Richtige.Um seine jüdischen Arbeiter vor der Deportation und dem sicheren Tod zu bewahren, zog Schindler alle Register des Betrugs. Er fälschte Dokumente und zahlte Schmiergelder.       Ein kluger Verwalter der eigenen Möglichkeiten und er rettete somit Leben.

Der Verwalter aus der Geschichte Jesu ist ein schwieriges Vorbild. Sein Verhalten kann beim besten Willen nicht zur Nachahmung empfohlen werden.  Ebenfalls nicht aus christlicher Sicht.          Doch er dient als drastische Erinnerung daran, dass wir vor Gott nicht nach ehrenden Tugenden und edlen Prinzipien gefragt werden.   
Wir werden gefragt, wie entschlossen, wie mutig und wie einfallsreich wir unser Leben gelebt haben. Wie wir unsere von Gott bekommen Gaben genutzt haben.   
Ein gewagtes Leben gibt es nicht ohne Scheitern und Blessuren.     
Wir werden uns wundern, wieviel Verständnis unser Herr dafür hat.

Amen

Und der Friede Gottes welcher höher ist als alle Vernunft,  bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Predigtvorlage: Pfarrer Dr. Olaf Waßmuth

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