Archiv Predigten

PredigtEN  der Ev. Kirchengemeinde Erfurt-Südost sind hier für einen Monat nach dem Erscheinen bzw nach dem jeweiligen Gottesdienst nachlesbar bzw nachhörbar

Gottesdienste zu Kantate

Gottesdienste zu Kantate

Am 2. Mai 2021 laden wir zu den Gottesdiensten ab 09:30 Uhr in die Gustav-Adolf-Kirche und
ab 11:00 Uhr in die Lukaskirche mit OGP Thomas Riedel (Pfarrer der Lukaskirche)
Grafik: Layer-Stahl
Lesepredigt zu Lk 19,37-40 (Sonntag Kantate)

Liebe Leserinnen und Leser,

wann haben Sie das letzte Mal gesungen?
Unter der Dusche? In der Küche beim Kochen? Vor dem Fernsehen bei einer Musikshow?
Singen tut gut, das ist nichts Neues. Das wissen wir. Aber wann haben Sie zum letzten Mal Gott zur Ehre gesungen? Aus vollem Herzen oder vielleicht sogar mit schwerem Herzen. In einem Gottesdienst dürfte das ja schon länger her sein. Denn wir – als Gemeinde – sind seit einem knappen Jahr stumm.
"Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder." (Ps 98.1) heißt es in unserem Wochenspruch. Doch welche Wunder wollen wir besingen? Manchmal scheinen das Dunkel und die Herausforderungen, die uns umgeben, gar keinen Platz zu lassen für solche Wunder. Und doch passieren sie immer wieder jeden Tag. Zum Beispiel dass mein/ Ihr Herz einfach so schlägt und mich/ uns am Leben erhält. Nicht weil ich mir das so ausgesucht habe, sondern weil Gott das so will … bis er es wieder beendet.
Oder generell, das Wunder des Lebens! Wie aus einem „Zellkonstrukt“ plötzlich ein eigenständiges Lebewesen entsteht, mit eigenem Fühlen, eigenen Emotionen und Verhaltensweisen. Das ist für mich immer wieder ein überwältigendes Wunder. Oder wie aus der kalten, dunklen Erde jetzt im Frühling neues Leben erblüht. Ich war am Donnerstag auf der Buga, es war unbeschreiblich schön! Und so ließen sich sicherlich noch viele Momente finden, die einem kleinen oder großen Wunder gleichen.
Lieder helfen uns, diese Wunder einzufangen, sie zu beschreiben, ihnen nachzufühlen. Lieder lassen die Seele schwingen. Ihre Texte und Inhalte dringen durch die Musik tiefer in unsere Herzen. Lieder helfen uns, unseren Glauben zu leben.
Lebendiger Glaube braucht geistliche Lieder. Evangelische Frömmigkeit wäre gar nicht denkbar ohne sie. Peter Zimmerling, Professor an der Uni Leipzig, stellt in seinem Buch „Evangelische Spiritualität“ (Göttingen 2010, Vadenhoeck & Rupprecht, S.179ff) fest: Das Programm einer ganzheitlichen Lobpreispraxis stellt einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur Überwindung der Intellektualisierung des herkömmlichen evangelischen Gottesdienstes und damit der Spiritualität insgesamt dar. …die pneumatische Dimension des Singens …(wurde)…in der evangelischen Tradition lange übersehen… In dem sich im Singen Erkenntnisse auf eine Weise erschließen, in der die Emotion integriert sind, erfolgt eine Vergewisserung des Glaubens. Charismatiker weisen schließlich zu Recht auf die Bedeutung von Lob und Anbetung Gottes als Quelle von Ermutigung, Lebenskraft und Heilung hin.“

Dieser Sonntag „Kantate“ widmet sich genau dem. Es geht um Musik und Gesang, das betonen die biblischen Lesungen an diesem Sonntag: Der erleichterte Dank der Geretteten, das mächtige Loblied der Geschöpfe Gottes, das besänftigende Harfenspiel und der mutige Gesang, der Kerkermauern sprengt – sie alle vereinen sich zu einem vielstimmigen Lob Gottes. Dort, wo sein Name so besungen wird, dort ist Gott ganz nah. So lesen wir im Predigttext:

 Lk 19, 37 So kam Jesus zu der Stelle, wo der Weg vom Ölberg nach Jerusalem hinabführt. Da brach die ganze Schar der Jüngerinnen und Jünger in lauten Jubel aus. Sie lobten Gott für all die Wunder, die sie miterlebt hatten.
38 Sie riefen: »Gesegnet ist der König, der im Namen des Herrn kommt! Friede herrscht im Himmel und Herrlichkeit erfüllt die Himmelshöhe!«

39 Es waren auch einige Pharisäer unter der Volksmenge. Die riefen ihm zu: »Lehrer, bring doch deine Jünger zur Vernunft!«40Jesus antwortete ihnen: »Das sage ich euch: Wenn sie schweigen, dann werden die Steine schreien!«

Ganz besonders herausragend finde ich die Antwort Jesu auf die Anweisung der Pharisäer. „Wenn sie schweigen, dann werden die Steine schreien!“

Er stellt klar, Gott lässt sich sein Lob nicht nehmen. Selbst wenn wir verstummen, preist ihn seine Schöpfung. Dieses Gotteslob ist so unaufhaltsam, dass selbst die Steine schreien. Wir wissen, dass Steine keine Emotionen haben und ich denke, das wusste auch Jesus. Umso stärker wird das Bild, das er hier zeichnet. Wenn das Unmögliche passiert, dass Steine schreien, welche Macht steckt da in diesem Gotteslob.

Diesem Gott die Ehre zu erweisen, ist die Aufgabe der Gläubigen. Das hat vielfältige Auswirkungen.

Zum einen auf uns, die Gläubigen selbst: Kein Bereich des Lebens soll von diesem Lob ausgeschlossen sein, keiner ist zu gering für diese Musik. Je mehr unser Leben zum Gesang wird, desto stärker wird uns dieses Lied verändern zu liebevolleren und dankbaren Menschen.

Zum anderen auf die Menschen um uns: Menschen, die Musik im Herzen tragen, haben eine positive Ausstrahlung auf andere. Sie können ihren Nächsten besser wahrnehmen. Schlagwort: Nächstenliebe.

Zum dritten hat es Auswirkungen auf Gott hin: Es ist unsere Bestimmung, Gott die Ehre zu erweisen. Aber nicht, weil er es braucht, um Gott zu sein. Gott braucht unser Lob nicht, seiner Größe und Allmacht kann kein Lob etwas hinzufügen oder wegnehmen. Wir sind es, die das Lob Gottes brauchen. Um uns immer wieder Gottes Größe und Allmacht bewusst zu machen. Gott ist kein Wunschautomat, sondern der Herr über Leben und Tod. Wir brauchen das Lob Gottes, um uns in unserer Beziehung zu ihm stärken und beschenken zu lassen. Wenn wir uns für dieses Geschenk öffnen, verherrlichen wir Gott. Wenn wir über ihn singen, nehmen wir Raum für ihn ein. Den, der ihm gebührt.

Verwandte Wörter machen vielleicht deutlich, was im Lob Gottes passiert: Nehmen wir das Wort verloben - sich jemandem versprechen, sich an jemanden zu binden. Wenn wir Gott loben, dann binden wir uns an ihn. Das ist für unseren Glauben sehr wichtig. Gott selbst, denke ich, erfreut sich an unserem Lob.
So lade ich Sie ein, Gott ganz bewusst die Ehre zu erweisen, weil Singen uns guttut und Loben unserem Glauben Tiefe verleiht.

 

Amen.

Es grüßt Sie, Ihr Thomas Riedel

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