Archiv Predigten

PredigtEN  der Ev. Kirchengemeinde Erfurt-Südost sind hier für einen Monat nach dem Erscheinen bzw nach dem jeweiligen Gottesdienst nachlesbar bzw nachhörbar

Gottesdienst zum Reformationstag 2020

Gottesdienst zum Reformationstag 2020

Am 31.10.2020 17:00 Uhr in der Lukaskirche Erfurt
mit OGP Thomas Riedel
Predigt: Zentrum Verkündigung, Verfasser: Dekan Joachim Meyer, Groß-Umstadt, gekürzt

Foto oben: epd bild/Steffen Schellhorn

Liebe Schwestern und Brüder,

ich lese euch den Predigttext zum Reformationsfest 2020 - Er steht aufgeschrieben in Matthäus 10, 26 b – 33.

26Darum fürchtet euch nicht vor ihnen. Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. 27Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern. 28Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können;  fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. 29Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. 30Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. 31Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge. 32Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. 33Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel

Ja, das ist die zentrale Botschaft dieses Predigttextes und auch der Reformation damals wie heute: Hab keine Angst! Habt keine Angst!
Denn die Reformation damals ist aus einem Klima einer weit verbreiteten gesellschaftlichen Angst entstanden. Erinnern wir uns!
Mönche zogen damals durchs Land, von oberster Stelle, vom Papst und den Bischöfen geschickt, um den Menschen Erlassscheine für ihre Sünden zu verkaufen. Der Erlös sollte dem Bau des Petersdomes in Rom dienen. Und um das Geschäft mit dem Seelenheil anzukurbeln, weckten die Wandermönche die Angst vor der Hölle. Die Angst vor den ewigen Strafen in der Hölle. Die Angst vor dem Fegefeuer. Davon sollten sich die Menschen freikaufen durch die Ablassscheine, durch die Erlassscheine für die Sünden. Freilich: Wer viel gesündigt hatte, musste viel zahlen. Und das konnten nur die Reichen. Die armen Menschen hatten keine Chance. Die Kapitalisierung des Heils. “Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel schwingt“ war der Werbeslogan fürs Heilsgeschäft. Aber – wer kein Geld hatte, hatte gelitten. Dessen Seele blieb auf der Erde oder versank in die Qualgemächer der Hölle.

In diesem Klima der Angst lebte Martin Luther. Er selbst hatte Angst.
Vor seinem zornigen Vater – der wollte, dass er Jurist werden sollte – also begann Luther mit einem Jurastudium.
Vor Donner und Blitz – deswegen gelobte er für die Rettung aus dem Gewitter den Wechsel ins Kloster. Angst vor Strafe – irdischer und himmlischer.
Angst vor dem strafenden Gott – das prägte sein Denken und Tun in der Anfangszeit.

Daran zu erinnern, dass die Reformation aus einem Klima der Angst herausgewachsen ist, das ist auch heute wichtig, im Zusammenhang unserer Ängste – der gesellschaftlichen und auch der persönlichen Ängste.

Für Martin Luther war es das Studium des Römerbriefes, das ihm die Freude gegen seine Angst zurückgab und ihn zu seiner reformatorischen Erkenntnis führte: Gott ist nicht der strafende Richter, sondern durch Jesus Christus der rettende Vater, die Verkörperung vergebender Liebe. „Mir war, als ob sich die Pforten des Paradieses öffneten“ schreibt er später über diese Erkenntnis, die seine Glaubensangst vertrieb. Er erkannte: Am Anfang ist die Liebe. Und die Liebe vertreibt die Angst. Darum, um es mit den Worten des Predigttextes zu sagen: Hab keine Angst! Denn Gott ist gut. Nicht wie sein böser Vater auf Erden, sondern wie sein guter Vater im Himmel. Und ohne den Willen des guten himmlischen Vaters fällt kein Spatz vom Himmel und kein Haar vom Kopf. Er hält Dich in seiner Hand geborgen.

Und dann geschah, was der Dichter Albert Camus einmal allgemein formulierte: „Soweit ich mich erinnern kann, hat es genügt, dass ein Mensch seine Angst überwand und sich auflehnte, damit es im Räderwerk zu hapern begann“! Und was hat es von da an im Räderwerk der römischen Kirche gehapert – sodass es alle hörten, weithin. Und es war so: Der Mut des einen steckte andere an. Und so ist es bis heute: der Mut von Martin Luther King steckte andere an. Der Mut von Greta Thunberg steckt andere an.  

Martin Luther verbreitete Mut. Unter den Studenten, unter der Ratsherren der Städte, unter vielen Landgrafen. Bei unzähligen Menschen bis zum heutigen Tag. Denn sein tiefstes Anliegen war und blieb – und er hat es immer wieder in seinen Schriften formuliert:

Dass die angefochtenen Gewissen getröstet werden.“ Dass die Angst besiegt und vertrieben wird. Durch die Predigt. Durch die Feier des Abendmahls. Durch eine gerechte Gesellschaftsordnung für Arme und Reiche.
Die Geschichte der Reformation, liebe Gemeinde, ist bis zum heutigen Tag ein deutlicher Beleg dafür, dass einer, der Glauben hat, stärker ist als 99 andere, die nur Interessen haben.
So ist die Reformation von ihren Anfängen an eine Ermutigung, für seinen Glauben, den Mund auf zu machen – wie es im Predigttext heute Morgen von Jesus geboten wird: „Was ich euch im Dunkeln gesagt habe, das sagt am hellen Tag weiter, und was euch ins Ohr geflüstert wird, das verkündet in aller Öffentlichkeit.“ Oder wie es einer in unseren Tagen formuliert hat– Fulbert Steffensky: „Mission heißt zeigen, was man lieb hat!“

Um es deutlich zu sagen:  Ich bewundere die jungen und älteren Menschen, die für ihre Anliegen auf die Straße gehen. Um für den Klimaschutz zu streiten. Um für eine gerechte Weltordnung ein zu treten. Um gegen den Raubtierkapitalismus aufzubegehren. Die ihrer Angst Luft machen und sich nicht klein machen lassen. Die nach draußen gehen. Die eine Mission haben.

Ich glaube, dass es in vielen dieser Fragen nicht nur um naturwissenschaftliche oder wirtschaftliche, sondern auch um eine genuin religiöse Frage geht, nämlich um die Frage des ersten Gebotes: Wer ist dein Gott? Der Herr im Himmel, der Vater Jesu Christi oder der Mammon - das Geld, das so viele Menschen auf dieser Welt in seinen Klauen hält und versklavt? Das Geld, das Symbol der Macht. Der Grund für Aufstieg und Niedergang – je nachdem, ob man es hat oder nicht. Diese ungeheure Angst, die uns jeden Abend in den Nachrichten widergespiegelt wird. Wer regiert die Welt – Gott oder das Geld?

„Habt keine Angst!“ sagt Jesus im Predigttext zu seinen Freundinnen und Freunden. Und lasst euch nicht täuschen: die Welt liegt in der Hand Eures Vaters im Himmel.
Darum macht euren Mund auf und erzählt von eurem Glauben. Von dem, was Himmel und Erde zusammenhält. Erzählt die Geschichten von Jesus euren Kindern und Kindeskindern. Pflanzt in ihre Seelen die Sehnsucht nach dem Himmel, nach der Stadt Gottes, in der Frieden und Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung den Ton angeben.

Reformationsfest 2020 – im Lichte des Predigttextes aus dem Matthäusevangelium kann dies nur eine Ermutigung gegen alle Angst sein, die unsere Herzen erfüllt und uns gefangen hält.

Im Lichte der Worte Jesu kann dies nur eine Vergewisserung sein, an dem fest zu halten, der uns in seiner Hand geborgen hält.

Und: im Lichte seines Lebens und dem Vertrauen des Reformators kann dies nur eine Ermutigung sein, den Mund auf zu machen. Zu Fragen der Zeit aus dem Licht des Glaubens den Mund auf zu machen. Zuhause, in der Familie, den Kindern und Enkeln gegenüber – denn woher sollen sie sonst von Jesus erfahren. Aber auch am Arbeitsplatz, in der Schule. Auf die Straße zu gehen, so wie wir es zurzeit vielerorts erleben. In der Öffentlichkeit den Mund auf zu machen und Zeugen des Glaubens zu werden.

Ich weiß: Dieser Weg ist nicht leicht – aber er ist verheißungsvoll.
Denn wer morgens zerknittert aufwacht, hat tagsüber viele Entfaltungsmöglichkeiten.
Reformation 2020 - das heißt: mit Freude den lebendigen Gott, den Liebhaber des Lebens zur Entfaltung bringen
. Amen.

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