Archiv Predigten

ausgewählte PredigtEN  der Ev. Kirchengemeinde Erfurt-Südost sind hier für einen Monat nach dem Erscheinen bzw nach dem jeweiligen Gottesdienst nachlesbar bzw nachhörbar

Gottesdienst zum 4. Advent "SIND SIE BEREIT?"

Gottesdienst zum 4. Advent  "SIND SIE BEREIT?"

Seien Sie eingeladen von Frau Petra Kühn (GKR Vorsitzende) zum Gottesdienst 
ab 11:00 Uhr in die Gustav-Adolf-Kirche
Lesen Sie hier die Predigt und hören Sie das Lied zum Tag und den Gruß der EKMD  zum 4. Advent

Evangelium (Lukas 1,26-38)
Das Evangelium für den 4.Advent steht bei Lukas im 1. Kapitel. Es ist zugleich unser heutiger Predigttext:
26 DER ENGEL GABRIEL wurde von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth,
27 zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria.
28 Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!
29 Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das?
30 Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden.
31 Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben.
32 Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben,
33 und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.
34 Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Manne weiß?
35 Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden.
36 Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, sie, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei.
37 Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.
38 Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.

Predigt
THEMA DER PREDIGT: SIND SIE BEREIT?
Liebe Gemeinde,
in fünf Tagen ist Heiligabend. Sind Sie bereit? Ist alles schon fertig? Oder wartet auf Sie in den nächsten Tagen noch ein Arbeitsmarathon: Einkaufen, Geschenke einpacken, Baum besorgen, putzen und kochen? Freuen Sie sich auf das Fest oder fürchten Sie sich ein bisschen vor diesen Tagen? Erwarten Sie Ihre Familie mit Jubel und Trubel? Oder verhindert die Pandemie auch in diesem Jahr eine große Familienfeier? Werden es eher stille Tage, einsame Tage, wo man froh ist, wenn sie vorbei sind? Es ist schon seltsam, dass dieser eine Tag im Jahr uns so aufscheucht in unserer Lebenswirklichkeit.
Der heutige Predigttext, den uns Frau Hildebrandt eben als Evangelium vorgelesen hat, schiebt sich wie ein Erinnerungszeichen in diese vorweihnachtliche Zeit. Mitten im Vorbereiten auf das Weihnachtsfest, auf die Geburt Jesu, werden wir zurückversetzt. Biologisch gesehen werden wir um neun Monate zurückversetzt. Lukas geht ganz an den Anfang. Er erinnert uns, dass die Geschichte Jesu nicht mit seiner Geburt beginnt. Das Wunder fängt vorher schon an.
Das Wunder, dass Gott beschließt, Mensch zu werden und dieser Welt Rettung und Heil zu bringen. Dies nicht als strahlender Gottheld, sondern als wirklicher Mensch, der zugleich wirklicher Gott ist. Über die Frage, welche dieser beiden Wirklichkeiten, Gott oder Mensch, echt ist, wurde und wird unter Christen viel gestritten.
Ganz Mensch und ganz Gott? Wie soll das gehen? Wo ist Jesus Gott, woMensch? Wie kann ein Mensch zugleich ganz Gott sein und doch ganz und gar menschlich?
Lukas, der sein Evangelium ungefähr um 90 nach Christus geschrieben hat, bietet eine Geschichte als Verstehenshilfe an. Das Leben Jesu kennt er aus den Geschichten, die er gehört und gesammelt hat. Lukas glaubt und bekennt Jesus als den Gekreuzigten, der auferstanden ist und auffuhr in den Himmel. Doch wenn einer eine Biografie schreibt, die ganze Geschichte Jesu erzählen will, dann muss er eben wirklich mit dem Anfang beginnen. Lukas schreibt den Anfang. Er erzählt 90 Jahre danach, wie es möglich war, dass das Wunder beginnen konnte. Er beschreibt die zwei Wirklichkeiten, Gott und Mensch, in der Form einer Erzählung. Sie begegnen sich in Gestalt eines Engels, den er Gabriel nennt, und einer Frau, Maria aus Nazaret, von der er weiß, dass sie die Mutter Jesu ist. Mit dieser Begegnung beginnt die Geschichte Jesu hier in unserer Welt.
Wir Menschen heute hören diese Erzählung unterschiedlich. Manche hören sie wie ein Kind, als ob es ein Märchen sei: "Es war einmal an einem Tag in Galiläa in Nazaret." Märchen sind schön und gut zu hören, es sind erfundene Geschichten, deren Botschaft aber helfen will, das Leben zu verstehen. Andere hören diese Erzählung mit wissenschaftlichen Ohren. "Na klar, eine Jungfrau, die schwanger wird. Und ich bin der Nikolaus." Im aufgeklärten 21. Jahrhundert, in dem es keine Tabus mehr gibt, in dem Kinder im Labor gezeugt werden können, hat diese Erzählung bei ihnen keine Chance auf Glaubwürdigkeit. Sie machen sich lustig darüber. Für andere wieder ist sie ein Teil des Glaubensbekenntnisses, das verkündigt wird als unbedingt zu Glaubendes, als etwas, bei dem man nicht zweifeln darf und eben glauben und nicht verstehen muss. Das Geheimnis Gottes, kein Thema der Wissenschaft, sondern Inhalt des Glaubens.
Maria, die Jungfrau, Maria, die Mutter Gottes - in der katholischen Kirche nimmt sie einen hohen Stellenwert ein. In jeder katholischen Kirche steht eine Marienstatue, die Kerzen vor ihrem Altar zeugen davon, wie viele Menschen sich bittend an sie wenden. Sie ist eine von uns, sie kann uns verstehen. So denken besonders viele Frauen, denn Frauen hören die Worte des Lukas oft staunend. Sie hören die Verkündigungsgeschichte mit ganz eigenen Ohren. Eine offensichtlich sehr junge Frau wird von Gott auserwählt. Endlich einmal
eine Geschichte, bei der es nicht um Männer geht. Endlich sieht Gott einmal eine Frau an, weil er das will, was eben nur eine Frau kann. Ein Kind zur Welt bringen. Und manche ärgert es dann, dass Maria sich selbst anscheinend so klein macht und sich als Magd bezeichnet. Dabei wird sie doch gerade von Gott selbst erwählt. So wird aus der Verkündigungsgeschichte eine frauenpolitische, eine feministisch-theologische Erzählung.
Sie merken schon, liebe Gemeinde, wenn wir uns mit der Verkündigungsszene beschäftigen, dann trifft nicht nur die Wirklichkeit Gottes auf die Wirklichkeit der Welt damals, sondern unsere je eigene Wirklichkeit verändert die Geschichte. Vielleicht hören wir nur das, was wir hören wollen? Oder vielleicht nur das, was wir ja nun wirklich nicht hören wollen? Lassen Sie uns versuchen, aus der Wirklichkeit des Lukas auf seine Erzählung zu schauen. Er weiß auch nicht, wie es wirklich war, damals, in Nazaret in Galiläa. Es gibt niemanden mehr, den er fragen kann, niemanden, der oder die dabei gewesen ist. Lukas kann es sich nur so vorstellen, dass es eine Begegnung gegeben haben muss. Gott setzt seinen Plan nicht allmächtig und weltfremd durch gegen den Willen der auserwählten Frau. Gott weiht durch seinen Boten Maria, die Auserwählte, die so Begnadete, in seinen Plan ein. Sie wird ein Kind bekommen. Jesus soll sie ihn nennen. Sohn des Höchsten werden andere zu ihm sagen, und König wird er sein über das Reich Jakobs in Ewigkeit.
Doch Gottes Wirklichkeit trifft auf einen Menschen. Eine junge Frau in einem kleinen Dorf, unverheiratet, aber wohl schon verlobt. Maria kann nur in ihrer eigenen Realität denken und fragt dann auch genauso nach: "Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Manne weiß?" Gott lässt sich auf ihre Wirklichkeit ein. Er versucht, ihr begreiflich zu machen, was da geschehen wird, soweit sie es eben zu verstehen vermag. "Der Heilige Geist wird über dich kommen." Und damit ihr begreifbar wird, dass es einem Menschen nicht genauer zu erklären ist, gibt Gott ihr ein Beispiel - ein Beispiel aus ihrer Welt. Elisabet, ihre Verwandte, die schon so lange auf ein Kind gehofft und gewartet hat, ist endlich schwanger. Nicht zu erklären, warum es endlich geklappt hat. Nicht zu verstehen, auch nicht für Maria. Aber es scheint, dass mit diesem Beispiel Gottes Wille zu ihr durchgedrungen ist.
Jetzt erfasst sie, dass ihr hier etwas geschieht, das größer ist als jedes menschliche Verstehen, größer als jede Wissenschaft, größer als jede ihrer Vorstellungen. Und sie willigt ein. Sie stellt sich ganz in den Dienst für Gott. Und fühlt sich wie eine Magd, ein kleines Rädchen in einem unvorstellbar großen Plan. Irgendwann danach geschieht es, sie wird schwanger. Über das Wie und Wann schweigt Lukas. Auch die anderen Evangelien schweigen darüber. Weil es niemand weiß. Darum geht es doch gar nicht. Die gute Nachricht, das Evangelium ist nicht die Antwort darauf, wie Gottes Sohn entstand - sondern, dass Gottes Sohn entstand. Wir, die wir heute alles verstehen und erklären wollen, hängen uns an das Wort "Jungfrauengeburt". Das ist ein Begriff, der in unserer Wirklichkeit nicht vorkommt. Doch Gottes Wirklichkeit ist größer, und diese zwei Wirklichkeiten schieben sich ineinander. Das Kind, das geboren wird, dessen Geburtstag wir in wenigen Tagen feiern, dieses Kind ist wirklich Gott und wirklich Mensch. Nichts Halbes, nicht ein bisschen davon und ein bisschen davon, sondern der eingeborene Sohn Gottes. Damit muss Maria leben, dazu hat sie ihr Einverständnis gegeben. Ob sie geahnt hat, was auf sie zukommt?
Ob sie geahnt hat, was es bedeutet, dass ihr Sohn das Band zwischen zwei Wirklichkeiten sein wird? Das rettende Band zwischen Gott und Mensch. Sie alle kennen die Lebensgeschichte Jesu. Immer wieder steht er in der unerträglichen Spannung zwischen Gottes Wirklichkeit und der Wirklichkeit seiner Lebensumwelt. Er hält es aus. Er hält Gottes Plan ein und er trägt, ja, erträgt diesen Plan bis zu seinem Tod. Und dann geschieht das Unglaubliche, noch einmal. Die Wirklichkeit Gottes, die höher ist als alle unsere Vernunft, trifft noch einmal auf diese Welt - und wieder ist Maria dabei. Jesus aufersteht aus seinem Tod. Das Grab ist leer. Wieder kann keine Wissenschaft erklären, was da geschehen ist, wie es geschehen ist, wann genau es geschehen ist. Es ist geschehen. Seit der Auferstehung haben wir die Verheißung, dass am Ende aller Zeiten nicht unsere Wirklichkeit, der Tod, steht, sondern Gottes Wirklichkeit - das ewige Leben. Seit der Verkündigung an Maria haben wir die Verheißung, dass Gott in unser Leben eintreten kann, uns in seinen Plan einbezieht, uns für sich und seinen Heilsplan brauchen kann. In fünf Tagen ist Weihnachten. Vielleicht, liebe Gemeinde, ist uns dieses Fest als Beginn der Geschichte Jesu so viel näher, weil wir es verstehen können und nachempfinden können, die Freude über die Geburt eines Kindes. Das kennen viele aus ihrem Leben. Das können wir als Fest gestalten. Doch die Verkündigungsgeschichte erzählt uns, dass Gottes Wirklichkeit immer, jeden Tag, bei uns einbrechen kann. Das lässt sich nicht als Fest gestalten, das geschieht im Verborgenen. Wenn Gottes Wirklichkeit uns begegnet, dann anders als bei Maria damals. Aber doch so, dass es unser Leben verändern wird.
Das wird bei jedem Menschen anders aussehen, wenn er oder sie Gott begegnet. Kein großes Fest, keine große Vorbereitung und keine hübsch eingepackten Geschenke. Wenn Gott uns Menschen begegnet, dann sucht er sich Orte aus, wie Nazaret in Galiläa, oder vielleicht den südöstlichen Rand von Erfurt. Und wenn er kommt, der Bote Gottes, dann stellt sich nur eine Frage: Sind Sie bereit?
Amen.
Nach einer Predigtvorlage von Sabine Heider
Predigtlied
EG 8, 1-4 „Es kommt ein Schiff geladen"

Und zum Abschluß hören Sie hier noch den
Gruß der EKMD zum 4. Advent  


 

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