Archiv Predigten

PredigtEN  der Ev. Kirchengemeinde Erfurt-Südost sind hier für einen Monat nach dem Erscheinen bzw nach dem jeweiligen Gottesdienst nachlesbar bzw nachhörbar

Gottesdienst 19.Juli 2020

Gottesdienst 19.Juli 2020

09:30 Uhr in der Gustav- Adolf- Kirche Erfurt
Gefeiert mit Frau Petra Kühn (Vorsitzende des GKR)

Predigttext
5. Buch Mose 7, 6-12
6 Du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden
sind.
7 Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker - denn du bist das kleinste unter allen Völkern -,
8 sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat er euch herausgeführt mit
mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten.
9 So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält
denen, die ihn lieben und seine Gebote halten,
10 und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen.
11 So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.
12 Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er
deinen Vätern geschworen hat.
 



Predigt
Liebe Gemeinde!
Sind Sie eigentlich zu 100% ein Thüringer oder eine Thüringerin? Und woran macht man das überhaupt fest? Geht es darum, dass man jeden Sonntag
Thüringer Klöße und zu jedem Fest Thüringer Bratwurst isst? Oder geht es doch eher um die Herkunft: Man ist hier geboren, vielleicht stammen auch die
Generationen davor schon hier aus der Umgebung?
Im Internet finden sich in letzter Zeit jede Menge Videos zum Thema Gentests. Es geht darum, durch eine Untersuchung der DNS mehr über die eigene
Herkunft zu erfahren. Dazu muss man nur eine Probe an einen kommerziellen Anbieter einschicken und bald darauf erfährt man das Ergebnis. In
Prozentzahlen wird dort das Erbgut bestimmten Weltgegenden zugeordnet. In den Videos ist dann zum Beispiel eine blonde Finnin zu sehen, die den
Briefumschlag des Labors aufmacht und verwundert liest: Ich bin zu 15,7 Prozent italienisch und zu 12,3 Prozent vom Balkan. Oder ein junger
Engländer ruft etwas geschockt: Ach du Schreck, ich bin zu 38 % deutsch!
Von Biologen und Genetikern werden solche Gentests übrigens kritisiert. Denn die Prozentzahlen gaukeln etwas vor. So exakt kann man das gar nicht
zuordnen. Und außerdem: Diese Gentests schauen nur auf den ganz kleinen Teil des Erbmaterials, in dem es überhaupt regionale Unterschiede gibt. 99,9
Prozent des Erbguts aber sind sowieso bei jedem Menschen gleich, egal welche Hautfarbe er hat.
Ein Wissenschaftler hat diese Tests auch mit Horoskopen verglichen:
Unwissenschaftlich, aber doch irgendwie immer zutreffend. Denn man findet sich darin auf jeden Fall wieder, nach dem Motto: Ich bin zu 15 Prozent
Italiener? Ach, des-halb esse ich so gerne Pizza.
Wie auch immer, die Botschaft bleibt irgendwie gleich, bei den Gen-Testern genauso wie bei den kritischen Wissenschaftlern: Wir alle haben viel
gemeinsam. Wir alle sind mit-einander verwandt. Eine reine Rasse oder einen Vorrang gar eines Volkes, für so etwas gibt es aus Sicht der heutigen
Wissenschaft einfach keine Grundlage.
Doch ein Blick in die Welt zeigt natürlich, dass es da offenbar gerade in diesem Sinne nicht sehr wissenschaftlich zugeht.
Überall werden jetzt wieder Unterschiede betont. Überall wird auf das angeblich Eigene gepocht, auf die eigene Stärke, Macht, Hochkultur. Das
Vaterland soll zurückerobert werden. Oder eben auch, in Übersee: Amerika zuerst.
Da scheinen dann plötzlich wieder einige Menschen besser als andere zu sein.
Aber ist nicht die Religion an solchen Entwicklungen mitbeteiligt?
Auch die Christenheit hat sich ja immer wieder erwählt genug gefühlt, um sich über andere zu erheben, auch gewaltsam zu erheben. Denken wir nur an
Kreuzzüge und Inquisition. Und auch heute stehen in vielen Ländern wieder christliche Theologen an der Seite von populistischen Politikern. Hat solches
nicht eine Ursache auch in der Sprache der Bibel?
„Du bist ein heiliges Volk dem Herrn… dich hat Gott erwählt“ (V. 6).
So heißt es im Predigttext.
In der Bibel ist das Volk Israel etwas ganz besonderes. Ist erwählt. Übrigens im Neuen Testament genauso wie im Alten Testament. Ist solche Sprache in
der Bibel nicht mit Schuld daran, dass sich immer wieder Menschen über andere erheben?
Der Begriff der Erwählung ist offenbar schwierig. Wie soll man denn davon reden, dass eine Gruppe von Menschen „erwählt“ ist, ohne die anderen
Menschen herabzusetzen?
Vielleicht sollten wir uns die Sache mit der Erwählung noch einmal genauer anschauen. Was ist denn damit in der Bibel gemeint, wenn es heißt: da ist
jemand „erwählt“?
Bedeutet das: Gott ist auf der Seite der Macht?
Bedeutet das: Man wird von Gott rundum versorgt und kann sorglos durchs Leben gehen?
Bedeutet das: Für andere bleibt nichts übrig?
Ich glaube, Erwählung muss man aus der Bibel heraus ganz anders verstehen.
Drei Punkte sind mir wichtig:
1. Wenn Gott erwählt, dann stellt er sich damit auf die Seite der Geringen
„Nicht hat euch der Herr erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn
du bist das kleinste unter allen Völkern.“
Gott stellt sich auf die Seite der Geringen, der Bedrohten.
Gott ist bei denen, die am Rande stehen. Auf die Seite Jakobs stellt er sich, der von seinem Bruder Esau verfolgt wird. Auf die Seite Josefs, der von seinen
Brüdern verraten und verkauft wird. Auf die Seite des Volkes Israel, das der Sklaverei entronnen ist.
Um militärische Macht geht es hier nie, auch nicht um irgendeine biologische Eigenart der Erwählten. Denn biologisch, ich sagte es, sind wir alle verwandt.
Das sagen uns nicht nur die Gentests. Sondern das sagt uns auch die Bibel. Die Schöpfungsgeschichte erzählt die Menschheitsgeschichte als
Familiengeschichte: Mit Adam und Eva beginnt alles, über Kain und Abel, Noah und seine Familie geht es weiter. Alle Menschen sind miteinander
verschwistert und verschwägert. Da stimmen Bibel und Gentests miteinander überein.
2. Punkt: Wenn Gott erwählt, dann geht es um eine Aufgabe
Wenn es in der Bibel um Erwählung geht, dann wird man sicher nicht zu einem Leben in Saus und Braus erwählt. Ganz und gar nicht. Es geht hier
wirklich nicht darum, sich über andere zu erheben. Sondern es geht darum, eine Aufgabe zu erfüllen.
Dafür werden die Propheten des Alten Testaments erwählt. Dazu wird auch das Volk Israel erwählt, um inmitten dieser Welt nicht mehr nach dem Recht
des Stärkeren zu leben, sondern nach dem Recht Gottes, nach der Tora, dem Gesetz, den fünf Büchern Mose.
Und was steht da, in diesem Gesetz? Die Zehn Gebote zum Beispiel. Aber auch dies hier: „Es soll ein Recht unter euch sein, der Fremde soll wie der
Einheimische gelten; denn ich bin der Herr euer Gott“ (3. Mose 23, 22).
Gottes Wille soll gelten, nicht der Wille eines Volkes. Das ist nun wirklich das Gegenteil von jedem politischen Populismus.
Und schließlich 3.: Wenn Gott erwählt, dann geht es um Liebe Der Herr hat euch erwählt, weil er euch geliebt hat. So steht es im
Predigttext. Wenn ich jemanden liebe, dann erwähle ich ihn, dann hänge ich an ihm. Gott hängt sich an das jüdische Volk, geht mit ihm, bleibt bei ihm,
unverbrüchlich. Durch Gutes und Schlimmes hindurch.
So wird es auch hier gemeint sein: Das jüdische Volk ist er-wählt, so sagt es die Bibel. Es ist geliebt von Gott. Daran halte auch ich fest, das glaube ich.
Denn wenn diese klare Botschaft der Bibel nicht mehr gelten sollte – wie sollte ich dann noch daran glauben, dass Gott uns dreißig- bis
hundertfünfzigprozentige Thüringer hier in unserer Gemeinde liebt und mit uns durch Gutes und Böses geht? Das Verhalten von uns Christinnen und
Christen lässt da aber manchmal wenig hoffen. Verlassen will ich mich lieber auf Gottes Treue zu seinen Verheißungen.
Liebe Gemeinde, an diesem Sonntag im Kirchenjahr geht es um die Taufe. Das Evangelium des Sonntags und auch die Musik sprechen davon.
Die drei Merkmale der Erwählung, die können wir auch in der Taufe wiedererkennen, vor allem in der Kindertaufe:
Gott ist an der Seite der Geringen. Er nimmt Partei für die schutzbedürftigen Kinder. „Lasset die Kindlein zu mir kommen, und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes“ (Mk 10,14) – so hat Jesus es gesagt.
Gott gibt eine Aufgabe. Er mutet den Kindern den Lebensweg zu, den wir für sie erst noch erahnen und mit unserer Fürsorge als Eltern und Paten auch
erst noch freimachen müssen: Dass die Kinder nämlich zu selbständigen, mutigen, freien Menschen heranwachsen, liebevoll und hoffentlich geleitet
von Gottes Wort und seinen Geboten. Denn dazu hat Jesus seine Jünger auch aufgerufen: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und
bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt“ (Joh 15, 16).
Und: Gott liebt. Er ist treu. Wir hören es in vielen Bibelversen, manche sind auch als Taufsprüche sehr beliebt, wie „Gott ist Liebe; und wer in der Liebe
bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (1 Joh 4, 16) Oder im Alten Testament: „Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber
meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer.“ (Jesaja 54,10)
Auf diese Liebeserklärung Gottes kann sich jedes Taufkind verlassen, auch wer als Erwachsener getauft wurde. Und auch wir können sie heute Morgen
mitnehmen: Gott nimmt mich an, unabhängig von meiner Leistung, unabhängig davon, was andere über mich sagen. Er steht zu mir, ganz sicher
auch unabhängig davon, zu wieviel Prozent ich eine Thüringerin oder was auch immer bin.
Amen
Nach einer Predigtvorlage von Pfarrer Dr. Felipe Blanco Wißmann   
Kirchstraße 65, 64354 Reinheim 

 

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